Donnerstag, 16. Februar 2012

IGeL-Monitor

In letzter Zeit sind wieder die IGeL unterwegs in den Medien. Damit sind nicht die kleinen stacheligen Tiere gemeint, die sich derzeit in diversen Laubhaufen schlafend von ihrer Schneckenjagd erholen. Vielmehr sind IGeL ein Kürzel für individuelle Gesundheitsleistungen, also all jene Behandlungs- und Diagnoseformen, bei denen ein Arzt die Patienten direkt zur Kasse bittet. Diese Verfahren können sinnvoll, unsinnig oder gar schädlich sein. Damit dem unbedarften Patienten weder gesundheitlich noch monetär der Garaus gemacht wird, hat nun der Medizinische Dienst der gesetzlichen Krankenkassen den IGeL-Monitor ins Leben gerufen. Laut eigener Aussage bietet man wissenschaftlich fundierte Informationen über diese von den Ärzten angebotenen zusätzlichen Leistungen.

Der Katalog der Maßnahmen ist schier unüberschaubar und so hat man seitens des IGeL-Monitors nur bestimmte, häufig angebotene, Dienstleistungen herausgepickt. Ein richtiges, vollständig beschriebenes System existiert nicht, vielmehr wird Willkür angedeutet. Man müsste explizit nachfragen, wenn die individuell angebotene Leistung keine Erwähnung findet. Dieser Vorgang ist natürlich in der Realität kaum so vorstellbar.

Kommen wir zu der Bewertung. Diese ist übersichtlich aufgemacht. Es gibt am Anfang ein Fazit und eine kurze Erläuterung dazu, der geneigte Patient kann sich aber umfassender informieren, wenn er die jeweils verlinkte Seite besucht.

Die große Kritik an den Bewertungen ist, dass man zwar behauptet, wissenschaftlich fundiert zu urteilen, jedoch Verfahren, die diametral zur wissenschaftlichen Theorie, zum gesunden Menschenverstand und zur Logik stehen, nicht genau aus diesem Grunde als die Geldschneiderei, die sie sind, aburteilt.

Zu diesen Verfahren gehört die Bachblütentherapie. Viele denken bei dem Namen an Blumen am Fluss, sogleich stellt sich ein wohliges Gefühl von sanfter Medizin aus unberührter Natur ein. Pustekuchen! Bach ist der Name des Erfinders dieser nach ihm benannten Behandlungsform. Dieser Engländer hat aus einem nicht dokumentierten Grund einmal frei 38 Pflanzen halluziniert, die gegen ebensoviele mysteriöse, negative Seelnzustände durch eine Schwingungsharmonierung helfen sollen. Diese Pflanzen werden ganz nach gusto entweder ausgekocht oder in einem Bottich in die Sonne gestellt. Nach einigen Verdünnungsschritten mit Schnaps, entsteht dann die Urtinktur, in der letztlich von der Pflanze kaum noch etwas zu finden ist. Daher wirken diese Mittel auch nicht stärker als ein anderes Plazebo. Soweit bestätigt das auch der IGeL-Monitor, kommt letztlich aber aufgrund der Tatsache, dass ein Mittel, das keine Wirkung hat auch keine Nebenwirkungen hat, zu dem Schluss, dass der Wert dieser Behandlung als unklar zu bewerten ist. Herzlichen Glückwunsch, dies ist die mittlere Bewertungsstufe.

Ebenso mittelmäßig wird der HbA1c-Test zur Diabetesdiagnose bewertet. Dieser Wert beurteilt quasi den mittleren Blutzuckerspiegel über einen längeren Zeitraum, während ansonsten der Nüchtern-Blutzucker gemessen wird. Beide Werte sollten recht niedrig sein. Beide funktionieren etwa gleich gut, in der Diabetesdiagnose. Der Patient kann sich mit dem HbA1c-Test letztlich also Bequemlichkeit kaufen, er muss nicht nüchtern zum Arzt oder im Zweifel einen zweiten Termin machen, wenn der Arzt ihm zu diesem Test rät, weil eventuell aufgrund des Lebensstils oder der Körperfülle ein erhöhtes Risiko besteht, einen Diabetes zu entwickeln. Das Ganze ist für 14 Euro zu haben und kostet damit unter Umständen bloß ein Zehntel des Betrages, den ein Bachblüten-Scharlatan für seine Fantasietherapie verlangt.

Es wird somit eine nachweislich wirkungslose Zusatzbehandlung die mehr kostet als eine wissenschaftlich nachgewiesene Diagnosemöglichkeit die für den Patienten bequemer ist in den gleichen Topf geworfen.

Beim IGeL-Monitor muss also dringend nachgebessert werden und es ist zu hoffen, dass man zukünftig wirklich nach strengen wissenschaftlichen Kriterien beurteilt und den Quacksalbern, die Patienten das Geld sinnlos aus der Tasche ziehen, ihr Handwerk etwas schwerer macht.

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